
Wahrer Naturschutz beginnt nicht beim Befolgen von Regeln, sondern beim Verstehen der unsichtbaren Zusammenhänge im Ökosystem.
- Selbst kleine Störungen wie eine Abkürzung oder eine Bananenschale können jahrzehntelange ökologische Prozesse empfindlich beeinträchtigen.
- Das Wissen um Schutzzonen, empfindliche Biotope und das Verhalten von Wildtieren ermöglicht proaktiven Schutz statt reaktiver Vermeidung.
Empfehlung: Betrachten Sie jede Ihrer Handlungen in der Natur als bewusste Entscheidung, die das empfindliche Gleichgewicht entweder stützt oder stört.
Die Sehnsucht nach unberührter Natur, nach dem Gefühl von Freiheit unter freiem Himmel, treibt uns immer öfter nach draussen. Wir suchen die Stille der Wälder, die Weite der Berge und die Ruhe an einem klaren See. Mit dieser wachsenden Begeisterung geht eine grosse Verantwortung einher. Die meisten von uns kennen die grundlegenden Gebote: Nimm deinen Müll mit, bleib auf den Wegen, störe keine Tiere. Diese Regeln sind das Fundament für ein rücksichtsvolles Miteinander in der Natur und absolut notwendig.
Doch was, wenn die wahre Kunst des Naturschutzes tiefer liegt? Was, wenn es nicht nur darum geht, sichtbare Spuren zu vermeiden, sondern auch die unsichtbaren Schäden zu verstehen? Viele unserer gut gemeinten Handlungen haben unbeabsichtigte Folgen, weil uns das Wissen über die komplexen ökologischen Zusammenhänge fehlt. Eine achtlos weggeworfene Bananenschale ist mehr als nur ein optischer Makel, und eine scheinbar harmlose Abkürzung kann die Arbeit der Natur von Jahrzehnten zunichtemachen.
Dieser Artikel verfolgt daher einen anderen Ansatz. Er will nicht nur Regeln auflisten, sondern eine Verhaltensethik vermitteln. Er soll Sie befähigen, die Landschaft zu „lesen“, die Bedürfnisse ihrer Bewohner zu respektieren und Entscheidungen zu treffen, die aus einem tiefen Verständnis für die Ökosystem-Integrität erwachsen. Wir werden die Prinzipien von „Leave No Trace“ mit Leben füllen, die Unterschiede zwischen Schutzgebieten klären und lernen, wie wir selbst im urbanen Alltag eine Verbindung zur Natur pflegen können. Ziel ist es, von einem reaktiven Regelbefolger zu einem proaktiven Hüter der Natur zu werden – aus Überzeugung, nicht aus Pflicht.
Die folgenden Abschnitte bieten Ihnen einen detaillierten Einblick in die verschiedenen Facetten eines verantwortungsvollen Naturerlebnisses. Der Leitfaden ist so aufgebaut, dass er Ihnen praxisnahes Wissen und die ethischen Hintergründe für ein naturverträgliches Verhalten vermittelt.
Inhaltsverzeichnis: Ihr Wegweiser zu einem verantwortungsvollen Naturerlebnis
- Was bedeutet „Leave No Trace“ konkret beim Biwakieren in deutschen Wäldern?
- Warum darf ich Bananenschalen nicht im Wald „kompostieren“?
- Wo darf ich was: Unterschiede zwischen Schutzgebietskategorien verstehen
- Warum zerstöre ich mit einer einzigen Abkürzung jahrzehntelange Vegetation?
- Wie nähere ich mich Wildtieren für Fotos ohne sie zu verscheuchen oder zu stressen?
- Warum darf ich Moore nicht betreten, selbst wenn keine Schilder vorhanden sind?
- Wie baue ich tägliche 15-Minuten-Naturmomente in meinen urbanen Alltag ein?
- Wie erkenne ich empfindliche Biotope und vermeide Schäden?
Was bedeutet „Leave No Trace“ konkret beim Biwakieren in deutschen Wäldern?
Das Konzept „Leave No Trace“ (Hinterlasse keine Spuren) ist weit mehr als nur eine simple Anweisung, seinen Müll wieder mitzunehmen. Es ist eine ethische Grundhaltung, die darauf abzielt, unseren Aufenthalt in der Natur so zu gestalten, dass er keinerlei negative Auswirkungen auf die Umwelt hat. Besonders beim Biwakieren, dem Übernachten unter freiem Himmel ohne Zelt, ist diese Haltung entscheidend. Wie der Deutsche Wanderverband betont, führt Unwissenheit oft zu den grössten Problemen: „Fehlendes Wissen über naturverträgliches Verhalten führt zu Schäden an Flora, Fauna und Infrastruktur – von Müll und Trittschäden bis hin zu Störungen von Wildtieren und Nutzungskonflikten.“
Konkret bedeutet das für Ihr Biwak: Es geht nicht nur darum, was Sie mitnehmen, sondern auch darum, was Sie zurücklassen – nämlich nichts. Das gilt für den kleinsten Schnipsel Verpackungsmaterial ebenso wie für die Wahl Ihres Schlafplatzes. Ein Bett im dichten Moos mag verlockend sein, doch es zerstört eine Pflanzengemeinschaft, die Jahre zum Wachsen gebraucht hat. Die Prinzipien von Leave No Trace dienen als universeller Leitfaden, um solche Fehler zu vermeiden und die Natur so zu verlassen, wie man sie vorgefunden hat.
Die 7 „Leave No Trace“-Prinzipien als ethischer Kompass
- Vorausplanen und Vorbereiten: Eine gute Vorbereitung, inklusive Kenntnis der lokalen Regeln zum Biwakieren, reduziert Risiken und potenzielle Schäden.
- Auf robusten Oberflächen gehen und campen: Nutzen Sie vorhandene Wege und suchen Sie sich für Ihr Lager robuste, unbewachsene Stellen wie Waldboden, Sand oder Kies.
- Abfälle ordnungsgemäss entsorgen: Nehmen Sie absolut alles, was Sie mitgebracht haben, wieder mit. Das schliesst auch organische Abfälle ein.
- Zurücklassen, was man findet: Lassen Sie Steine, Pflanzen und andere natürliche Objekte an ihrem Platz. Auch historische oder kulturelle Artefakte bleiben unberührt.
- Auswirkungen von Lagerfeuern minimieren: Feuermachen ist in deutschen Wäldern fast überall verboten. Nutzen Sie ausschliesslich offizielle, ausgewiesene Feuerstellen und stellen Sie sicher, dass das Feuer vollständig gelöscht ist.
- Wildtiere respektieren: Beobachten Sie Tiere nur aus der Ferne, füttern Sie sie niemals und folgen Sie ihnen nicht.
- Rücksicht auf andere Besucher nehmen: Verhalten Sie sich so, dass andere Naturgeniesser nicht in ihrem Erleben gestört werden. Lärm vermeiden und Privatsphäre respektieren.
Die Anwendung dieser Prinzipien stellt sicher, dass Ihr Abenteuer nicht auf Kosten der Umwelt geht und auch zukünftige Generationen die unberührte Natur geniessen können. Sie sind der Kern einer jeden verantwortungsvollen Outdoor-Aktivität.
Warum darf ich Bananenschalen nicht im Wald „kompostieren“?
Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube: „Ist doch bio, das verrottet von allein.“ Viele Wanderer werfen Apfelbutzen, Bananen- oder Orangenschalen guten Gewissens in die Büsche, in dem Glauben, der Natur etwas Gutes zu tun. Doch das Gegenteil ist der Fall. Dieses Verhalten ist ein klassisches Beispiel dafür, wie ein Mangel an ökologischem Wissen zu unbeabsichtigten, aber erheblichen Schäden führt. Der Verrottungsprozess von solchen Abfällen dauert in der Natur weitaus länger als im heimischen Kompost. Eine Bananenschale benötigt im Wald bis zu fünf Jahre, um vollständig zu zerfallen.
Während dieser langen Zeit schadet sie dem Ökosystem auf vielfältige Weise. Zum einen ist sie eine unästhetische, von Menschen gemachte Spur, die das Naturerlebnis für andere stört. Zum anderen – und das ist weitaus gravierender – locken die Essensreste Wildtiere an. Dies kann dazu führen, dass die Tiere ihre natürliche Scheu vor dem Menschen verlieren und ihr Verhalten ändern. Sie werden von ihrer natürlichen Nahrungssuche abgehalten und können durch für sie ungeeignete Nahrung krank werden. Zudem gewöhnen sie sich an die Futterquelle Mensch, was zu Konflikten führen kann.
Ein oft übersehener Aspekt ist der psychologische Nachahmungseffekt. Die Outdoor-Bloggerin „Fräulein Draussen“ bringt es auf den Punkt, wenn sie davor warnt, dass „Spuren sichtbar werden und es Nachahmer gibt, die diesen Spuren folgen.“ Ein achtlos weggeworfener Apfelkern signalisiert dem Nächsten: „Hier ist es in Ordnung, Müll zu hinterlassen.“ So entsteht schnell eine wilde Müllkippe, wo vorher unberührte Natur war. Die einzige korrekte Verhaltensweise lautet daher: Was in den Rucksack hineingeht, geht auch wieder hinaus. Ohne Ausnahme.
Wo darf ich was: Unterschiede zwischen Schutzgebietskategorien verstehen
Nicht jeder Wald und jede Wiese unterliegt den gleichen Regeln. Deutschland verfügt über ein differenziertes System von Schutzgebieten, das geschaffen wurde, um unterschiedliche Ziele zu erreichen – vom strengen Schutz unberührter Naturprozesse bis hin zur Erhaltung von durch Menschen geprägten Kulturlandschaften. Diese Kategorien zu kennen, ist entscheidend, um zu wissen, welches Verhalten wo angebracht ist. Die strengste Kategorie sind Nationalparke. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) unterstreicht ihre Bedeutung: „Nationalparke repräsentieren in Deutschland ein nationales Naturerbe.“ Hier gilt das Motto „Natur Natur sein lassen“, was oft ein strenges Wegegebot und ein Verbot des Biwakierens mit sich bringt.
Naturschutzgebiete (NSG) sind die nächsthöhere Kategorie. Ihr Hauptziel ist der Schutz bestimmter Lebensräume (Biotope) oder Arten. Hier können Betretungsverbote abseits der Wege gelten, um beispielsweise seltene Bodenbrüter oder empfindliche Pflanzen zu schützen. Landschaftsschutzgebiete und Naturparke sind in der Regel deutlich zugänglicher. Sie dienen oft dem Erhalt der Vielfalt von Kulturlandschaften und der Erholung. Hier sind die Regeln meist lockerer, aber auch hier gilt das Gebot der Rücksichtnahme.
Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die wichtigsten Kategorien und ihre Merkmale, basierend auf einer Zusammenstellung des Bundesamtes für Naturschutz.
| Kategorie | Schutzziel | Zugänglichkeit | Flächenanteil in Deutschland |
|---|---|---|---|
| Nationalpark | Prozessschutz – Natur sich selbst überlassen | meist strenges Wegegebot | 0,6 % der Landesfläche |
| Naturschutzgebiet | Biotop- und Artenschutz | Betretungsverbote abseits der Wege möglich | 8.676 Gebiete (Stand 2014) |
| Landschaftsschutzgebiet | Erhalt der Kulturlandschaft | in der Regel frei zugänglich | über 27,9 % der Landesfläche |
| Naturpark | Erholung und nachhaltige Nutzung | frei zugänglich, touristisch erschlossen | 27,9 % der Landesfläche |
Diese Unterscheidung ist keine bürokratische Spitzfindigkeit, sondern der Schlüssel zu einem respektvollen Umgang mit unserer vielfältigen Landschaft. Bevor Sie eine Tour planen, informieren Sie sich stets über den Schutzstatus des Gebiets, um dessen Regeln bewusst einhalten zu können.
Warum zerstöre ich mit einer einzigen Abkürzung jahrzehntelange Vegetation?
Der Pfad schlängelt sich in einer weiten Kurve den Hang hinauf, doch geradeaus führt eine verlockende, direkte Spur nach oben. Eine Abkürzung zu nehmen, scheint harmlos, eine kleine Zeitersparnis ohne grosse Konsequenzen. Dies ist einer der gefährlichsten Trugschlüsse beim Wandern. Was wir als festen Boden wahrnehmen, ist in Wahrheit ein hochkomplexes und fragiles Ökosystem. Jeder einzelne Schritt abseits des befestigten Weges verursacht unsichtbare Schäden, deren Reparatur Jahrzehnte dauern kann.
Die oberste Erdschicht im Wald oder auf einer Almwiese ist nicht nur Dreck. Sie ist durchzogen von einem feinen Netz aus Wurzeln, Pilzgeflechten (Mykorrhiza) und unzähligen Mikroorganismen. Dieses Geflecht sorgt für die Stabilität des Bodens, den Nährstofftransport und die Wasseraufnahme der Pflanzen. Wenn wir darauf treten, wird diese Struktur verdichtet. Die feinen Poren im Boden, die Wasser und Luft speichern, werden zusammengedrückt. Feine Wurzelhaare reissen ab, und das überlebenswichtige Pilznetzwerk wird zerstört. Die Folge: Die Vegetation kann nicht mehr ausreichend Nährstoffe aufnehmen, verkümmert und stirbt ab.
Sobald die schützende Pflanzendecke fehlt, hat die Erosion freies Spiel. Regen spült die ungeschützte Erde fort, und es entsteht eine Rinne. Diese Rinne wird von anderen Wanderern als neuer „Weg“ wahrgenommen und weiter ausgetreten. Eine Kettenreaktion ist in Gang gesetzt, an deren Ende ein tief erodierter Graben steht und ein Stück Natur unwiederbringlich zerstört ist. Die Bildung von nur einem Zentimeter fruchtbarem Humusboden kann bis zu 100 Jahre dauern. Eine einzige Abkürzung zerstört diese jahrzehntelange Arbeit in Sekunden. Wege sind nicht als Empfehlung zu verstehen, sondern als essenzielle Schutzmassnahme für die empfindliche Umgebung.
Wie nähere ich mich Wildtieren für Fotos ohne sie zu verscheuchen oder zu stressen?
Einem Reh am Waldrand, einem Fuchs auf der Wiese oder einem Steinbock im Gebirge zu begegnen, sind magische Momente. Der Wunsch, diese Begegnung mit einem Foto festzuhalten, ist nur allzu verständlich. Doch die Jagd nach dem perfekten Bild führt oft zu Verhalten, das die Tiere massiv stört, stresst und in ihrem natürlichen Lebensrhythmus beeinträchtigt. Die ethische Grundregel lautet: Das Wohlergehen des Tieres hat immer Vorrang vor dem Foto. Ein respektvoller Wildtierfotograf ist in erster Linie ein stiller Beobachter.
Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, das Konzept der Fluchtdistanz zu verstehen. Jedes Tier hat eine individuelle Distanz, bei deren Unterschreitung es sich bedroht fühlt und flieht. Ein Erfahrungsbericht eines Fotografen verdeutlicht dies: „Hier sind die Tiere deutlich mehr an die menschliche Anwesenheit gewöhnt und haben eine viel geringere Fluchtdistanz, das heisst sie flüchten nicht sofort bei menschlichen Sichtkontakt.“ Diese Distanz zu respektieren, ist essenziell. Aktives Verfolgen oder Anpirschen führt fast immer zur Flucht und bedeutet für das Tier puren Stress, der wertvolle Energiereserven kostet.
Stattdessen ist eine passive und geduldige Annäherung der Weg. Wenn Sie ein Tier entdecken, verhalten Sie sich ruhig und unauffällig. Vermeiden Sie direkten Augenkontakt und hektische Bewegungen. Warten Sie, bis das Tier Sie bemerkt hat und von selbst wieder zu seiner normalen Tätigkeit – meist Fressen – zurückkehrt. Das ist das Signal, dass es Sie nicht als akute Bedrohung einstuft. Erst dann können Sie versuchen, sich langsam und niemals auf direkter Linie zu nähern.
Praktische Schritte für eine stressfreie Wildtierbeobachtung
- Passiv beobachten, nicht aktiv jagen: Suchen Sie nicht gezielt nach Tieren und laufen Sie ihnen nicht hinterher. Die schönsten Begegnungen sind oft Zufall.
- Bei Sichtkontakt innehalten: Bleiben Sie stehen, schauen Sie das Tier nur aus dem Augenwinkel an und tun Sie so, als wären Sie mit etwas anderem beschäftigt (z.B. auf die Karte schauen).
- Auf Entspannungssignale warten: Nähern Sie sich erst weiter, wenn das Tier wieder zu fressen beginnt oder sich putzt. Dies zeigt, dass es sich nicht mehr unmittelbar bedroht fühlt.
- Indirekte Annäherung: Bewegen Sie sich niemals in einer geraden Linie auf das Tier zu. Gehen Sie stattdessen in einem weiten Bogen und halten Sie die Kamera dabei nach unten gerichtet.
- Mindestabstand wahren: Halten Sie zu scheuen heimischen Wildtieren wie Rehen oder Hirschen einen Mindestabstand von etwa 20 Metern, wie es von Experten für Wildtierfotografie empfohlen wird. Ein gutes Teleobjektiv ist der beste Freund des Tieres.
Warum darf ich Moore nicht betreten, selbst wenn keine Schilder vorhanden sind?
Moore wirken oft geheimnisvoll und unberührt. Ihre einzigartige Vegetation aus Torfmoosen und Wollgräsern übt eine besondere Faszination aus. Doch diese Landschaften gehören zu den empfindlichsten und gleichzeitig wichtigsten Ökosystemen unseres Planeten. Auch wenn kein Verbotsschild zu sehen ist, gilt hier eine eiserne Regel: Moore dürfen unter keinen Umständen abseits von befestigten Wegen oder Bohlenstegen betreten werden. Der Grund dafür liegt in ihrer extremen Fragilität und ihrer unschätzbaren Bedeutung für den Klimaschutz.
Moore sind gigantische Kohlenstoffspeicher. Obwohl sie nur einen winzigen Teil der Landfläche ausmachen, leisten sie einen gewaltigen Beitrag zum Klimagleichgewicht. Laut NABU binden Moore weltweit etwa ein Drittel des gesamten terrestrischen Kohlenstoffs – doppelt so viel wie alle Wälder der Erde zusammen. Dieser Kohlenstoff ist im Torf gebunden, der sich über Jahrtausende aus abgestorbenen Pflanzenresten unter Luftabschluss gebildet hat. Jeder Tritt in die nasse, schwammige Oberfläche zerstört die empfindliche Torfmoosschicht. Dadurch wird die schützende Decke verletzt, Sauerstoff dringt in die tieferen Schichten ein und der Zersetzungsprozess des Torfs wird in Gang gesetzt. Die Folge: Das über Jahrtausende gespeicherte CO2 wird in grossen Mengen freigesetzt und treibt den Klimawandel an.
Die Zerstörung ist praktisch irreversibel. Ein Moor wächst nur etwa einen Millimeter pro Jahr. Ein einziger Fussabdruck kann somit die Arbeit von Jahrzehnten vernichten. Wie empfindlich und langwierig die Regeneration ist, zeigt sich in speziellen Renaturierungsprojekten.
Fallbeispiel: Regeneration im Gnarrenburger Moor
Ein Pilotprojekt im Gnarrenburger Moor in Niedersachsen zeigt, welch enormer Aufwand nötig ist, um ein gestörtes Moor zu heilen. Durch gezielten Anbau von Torfmoos und die Wiedervernässung der Flächen wird versucht, die Wasserbalance wiederherzustellen und die CO2-Emissionen zu stoppen. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass die beste Schutzmassnahme die Prävention ist: das konsequente Meiden dieser sensiblen Zonen.
Moore sind keine robusten Wandergebiete, sondern lebende Archive der Erdgeschichte und unverzichtbare Verbündete im Kampf gegen die Klimakrise. Ihr Schutz hat absolute Priorität.
Wie baue ich tägliche 15-Minuten-Naturmomente in meinen urbanen Alltag ein?
Verantwortungsvolles Verhalten in der Natur beginnt mit einer tiefen Wertschätzung für sie. Doch diese Verbindung muss nicht auf die Wochenendwanderung oder den Jahresurlaub beschränkt sein. Sie kann und sollte täglich gepflegt werden, selbst inmitten des städtischen Trubels. Die Fähigkeit, die Natur im Kleinen zu entdecken und wertzuschätzen, ist ein Training für die Achtsamkeit, die wir auch in grossen, wilden Landschaften benötigen. Es geht darum, den „Muskel der Naturwahrnehmung“ zu stärken.
Schon 15 Minuten am Tag können ausreichen, um diese Verbindung zu knüpfen. Suchen Sie sich einen festen Ort, eine Parkbank, einen Baum vor Ihrem Bürofenster oder einfach nur einen Blumenkasten auf dem Balkon. Der Schlüssel liegt nicht darin, etwas Spektakuläres zu suchen, sondern das Gewöhnliche mit aussergewöhnlicher Aufmerksamkeit zu betrachten. Anstatt auf dem Weg zur Arbeit auf das Smartphone zu starren, heben Sie den Blick und beobachten Sie die Wolken. Anstatt mit Kopfhörern durch den Park zu joggen, lauschen Sie den verschiedenen Vogelstimmen.
Diese kleinen Naturmomente schärfen unsere Sinne. Wir lernen, Details wahrzunehmen, die uns sonst entgehen: das feine Muster der Rinde eines Baumes, die Ameisenstrasse auf dem Gehweg, die Art und Weise, wie das Licht durch die Blätter fällt. Diese Praxis der Mikro-Beobachtung verändert unsere Perspektive. Sie erdet uns und erinnert uns daran, dass wir Teil eines grösseren Ganzen sind, selbst in einer von Beton geprägten Umgebung. Wer die Schönheit einer einzelnen Amsel im Stadtpark erkennt, wird auch die empfindliche Welt eines Moores mit grösserem Respekt betreten. Es ist dieselbe Haltung der Demut und des Staunens.
Das Wichtigste in Kürze
- Echter Naturschutz ist eine Frage der Haltung und des Wissens, nicht nur des Regelbefolgens.
- Jede Handlung, egal wie klein, hat eine Wirkung auf empfindliche Ökosysteme – oft eine unsichtbare.
- Die Fähigkeit, die Landschaft zu lesen und ihre Fragilität zu erkennen, ist der Schlüssel zu proaktivem, verantwortungsvollem Handeln.
Wie erkenne ich empfindliche Biotope und vermeide Schäden?
Die effektivste Art, die Natur zu schützen, ist, ihre empfindlichsten Bereiche zu erkennen und bewusst zu meiden. Nicht immer weisen Schilder auf ein Schutzgebiet oder ein fragiles Biotop hin. Daher ist es eine entscheidende Fähigkeit, die Landschaft selbst lesen zu lernen und Warnsignale zu deuten. Ihre Augen sind das wichtigste Werkzeug, um proaktiv Schäden zu vermeiden. Es geht darum, eine Sensibilität für die Orte zu entwickeln, an denen die Natur besonders verletzlich ist.
Ein erster, offensichtlicher Indikator sind Feuchtgebiete. Bereiche, die sichtbar nass oder sumpfig sind, Quellhorizonte an Hängen oder Uferzonen mit Schilf und Binsen haben oft eine hochspezialisierte Flora und Fauna und einen sehr empfindlichen Boden. Hier gilt: Abstand halten. Ein weiteres klares Zeichen sind dünne Vegetationsschichten auf Fels. Mit Flechten und Moosen bewachsene Felsen oder Blockhalden sind das Ergebnis jahrhundertelanger Entwicklung. Die dünne Humusschicht ist extrem trittempfindlich und die darauf wachsenden Organismen erholen sich nur sehr langsam von Störungen.
Achten Sie auch auf die allgemeine Vegetationsstruktur. Bereiche, in denen die Pflanzendecke bereits lückig ist oder erste Erosionsrinnen sichtbar sind, sind bereits geschädigt und besonders anfällig für weitere Zerstörung. Dazu gehören steile Grashänge im Gebirge, wo die Grasnarbe den Boden zusammenhält, oder Dünenlandschaften, deren spärliche Vegetation den Sand vor Winderosion schützt. Wenn Sie lernen, diese Zeichen zu erkennen – Nässe, karger Bewuchs auf Stein, lückige Vegetation an steilen Hängen –, entwickeln Sie einen inneren Kompass für den Naturschutz. Sie handeln dann nicht mehr nur, weil ein Schild es vorschreibt, sondern weil Sie die Fragilität des Ortes selbst erkannt haben.
Indem Sie diese Prinzipien verinnerlichen und bei jedem Ausflug anwenden, werden Sie von einem einfachen Besucher zu einem bewussten Teil des Ökosystems. Beginnen Sie noch heute damit, die Natur mit neuen, wissenden Augen zu betrachten und durch Ihr Verhalten aktiv zu ihrem Erhalt beizutragen.